Die Macht der Einfachheit – Warum Journalismus Leichte Sprache braucht

von Malte und Jule

In einer Welt, in der Informationen allgegenwärtig sind, steht der Journalismus vor der Herausforderung, für alle Leser*innen verständlich zu sein. In unserem neuesten Blogbeitrag erkunden wir, warum der Ruf nach leichter und einfacher Sprache lauter und wie sie zu einem entscheidenden Werkzeug für Journalist*innen wird. Aber ist leichte und einfache Sprache wirklich immer sinnvoll? Und was ist überhaupt der Unterschied zwischen leichter und einfacher Sprache? 

„Das hier ist ein Schachtelsatz, also ein in sich verschachtelter Satz mit Einschüben und Nebensätzen, der aber online nicht gut funktioniert, weil unsere Aufmerksamkeitsspanne, die mittlerweile unter der eines Goldfisches liegt, einfach zu kurz ist und wir mit unseren Augen von einer Information zur nächsten schwirren, wie eine Biene, die auf der Suche nach Nektar ist, und deswegen – so hinreißend melodisch ein langer Satz auch sein kann – sollte ein Schachtelsatz, so weit es möglich ist, in leserliche Nektar-Häppchen aufgebrochen werden[…]” 

Spaß bei Seite. Solche Sätze versteht natürlich kein Mensch. Besonders Menschen mit Leseschwierigkeiten haben Probleme, komplizierte Sätze zu verstehen. Dazu gehören zum Beispiel Menschen mit geistigen Behinderungen oder Menschen mit geringen Deutschkenntnissen. Die Konzepte leichte und einfache Sprache versuchen dieses Problem zu beheben. Zwischen der leichten und einfachen Sprache muss allerdings genauer unterschieden werden, da beide fälschlicherweise oft als Synonym verwendet werden. Jedoch unterscheiden sich leichte und einfache Sprache vor allem in ihrer Zielgruppe. Leichte Sprache fokussiert sich vorallem auf Menschen mit Lernschwächen, während einfache Sprache sich zum Beispiel an alte Menschen oder Menschen mit geringen Deutschkenntnissen richtet.  

Leichte Sprache
Zielgruppe: Menschen mit Lernschwächen
Grundregeln: einfache, kurze Sätze; keine Fremdwörter; keine Abkürzungen; viele Absätze zur Übersicht, große Schrift; aktive Formulierungen

Einfache Sprache
Zielgruppe: Menschen mit Leseschwäche, ältere Menschen, Menschen mit geringen Deutschkenntnissen
Grundregeln: verständliche Sätze, Nebensätze möglich, umfangreicher Wortschatz, Nutzung von Wörtern, die im Alltag verwendet werden, Vermeidung von Fachbegriffen und komplizierten Ausdrücken

Wie alles begann

Die Ursprungsidee der leichten Sprache ist zurückzuführen auf den Wunsch von Menschen mit Behinderungen nach Selbstbestimmung in ihrem Leben. Texte spielen dabei eine entscheidende Rolle, da nur diejenigen, die Texte verstehen, sich informieren und aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. 

Die „Easy-to-read“-Bewegung entstand in den USA in den 70er Jahren und verbreitete sich später in Europa. Ende der 90er Jahre wurden hier die ersten „Richtlinien zur leichten Lesbarkeit“ eingeführt.  

In Deutschland hat das „Netzwerk Leichte Sprache“ im Jahr 2006 40 Regeln für die Übersetzung von komplexen Texten in verständliche Formen festgelegt.  

Leichte und Einfache Sprache im Journalismus

Auch für den Journalismus sind die leichte und einfache Sprache von entscheidender Bedeutung. Laut der Soziologin Gudrun Kellermann „haben alle Menschen ein Recht auf Information über das, was sich in der Welt abspielt.“2. Es muss jedoch noch einmal im Einzelfall entschieden werden, ob Texte in leichter oder einfacher Sprache verfasst werden sollten.  Der Journalist Uwe Roth betont, dass „stärker auf die Lesekompetenz der jeweiligen Zielgruppe des Mediums[…]”3 eingegangen werden sollte. In Lokalzeitungen bietet es sich beispielsweise an, von einfacher Sprache Gebrauch zu machen, um zum Beispiel auch alte Menschen  miteinzuschließen. Da der Journalismus zentral für die politische Meinungsbildung ist, sollten alle Menschen dieselbe Möglichkeit haben, an dieser Debatte teilhaben zu können. 

Der Deutschlandfunk veröffentlicht zum Beispiel Nachrichten auf dem Portal NachrichtenLeicht in leichter Sprache. Dort werden jede Woche freitags die wichtigsten Nachrichten zusammengefasst. So wird beispielsweise der kompliziert klingende Sachverhalt „Bundeshaushaltsdebatte” in leichter Sprache als „Bundes-Regierung hat Geld-Probleme” übersetzt.  

Kritik

Vor dem Hintergrund des Inklusionsgedankens erscheint es einleuchtend, warum die leichte und einfache Sprache benötigt wird. Allerdings gibt es auch kritische Gegenstimmen, die einige Probleme beleuchten. So lautet einer der gängigen Vorwürfe, dass durch leichte Sprache komplexe Sachverhalte verfälscht werden würden. Besonders im Journalismus würden politische Krisen eine detailreiche Berichterstattung erfordern. Dass durch einfache und leichte Sprache Informationen verloren gehen können, liegt auf der Hand. Allerdings gilt es zu bedenken, dass es bei den Bemühungen um leichte und einfache Sprache nicht darum geht, Standardsprache abzuschaffen. Es geht vielmehr darum, beide Varianten anzubieten, um sicherzustellen, dass auch Menschen informiert werden, die zuvor von Diskussionen ganz ausgeschlossen waren. 

Und jetzt?

Wie die Journalistin Silvia Plahl (2019) anmerkt, gewinnt die leichte und einfache Sprache inzwischen immer mehr an öffentlicher Aufmerksamkeit. Dabei ist zu beobachten, dass die Konzepte teilweise auch klaren Leitlinien folgen und institutionalisiert werden. Das Netzwerk Leichte Sprache hat dafür einen Katalog mit Regeln ausgearbeitet und  Prüfer*innen angestellt, die Texte korrekturlesen. Das Ziel der leichten Sprache ist es, allen Menschen die Teilhabe an Gesellschaft und Politik gleichermaßen zu ermöglichen und eine inklusive Gesellschaft zu schaffen. Insbesondere im Journalismus bietet die leichte und einfache Sprache einen wichtigen Ansatzpunkt, um diese Ziele umzusetzen. Auch der standardsprachliche Journalismus könnte sich von der einfachen und leichten Sprache eine Scheibe abschneiden. Oftmals ist es durchaus nützlich, sich an den Konzepten der  einfachen und leichten Sprache  zu orientieren, um beispielsweise die Verständlichkeit  und Transparenz von Texten zu fördern.  


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